Würde. Würde ich gern verordnen.
Wenn Veränderungen an die Tür klopfen und Altes Neuem weichen soll, gibt es immer diesen Moment, in dem man fast keine Luft mehr bekommt. Angesammelte Objekte, Dinge, die schon immer so waren und ungeschriebene Gesetze haben zu einem Palast geführt, der einen nur schwer atmen lässt. Gerade wenn man in die Zukunft gehen will. Der Dran alles wegzuschmeißen ist riesig.
Die alten Unterlagen, die komplizierten Abläufe, am besten gleich die ganze Denkweise. Einmal ordentlich durchlüften im Unternehmen. Das kann ich verstehen. Wer Verantwortung übernimmt, sieht plötzlich an jeder Ecke etwas, das schon viel zu lange so gehandhabt wurde. “Das haben wir schon immer so gemacht” kann man nicht mehr hören. Man möchte loslegen, etwas bewegen, endlich die Dinge zusammenbringen, die bisher so umständlich nebeneinanderher laufen.
„Das muss jetzt alles mal weg. Das muss hier alles ganz neu werden”
Es gibt gute Gründe dafür. Wirklich.
Nur sitzt da möglicherweise jemand, der dieses „alles“ die letzten dreißig Jahre aufgebaut hat.
Autsch.
Vielleicht nickt dieser Mensch sogar. Er weiß ja selbst, dass sich etwas verändern muss. Und trotzdem ist gerade etwas passiert. Eben wurde noch erzählt, jetzt wird erklärt und verteidigt. Irgendwann kommt fast kein Kommentar mehr.
Das könnte man für Zustimmung halten. Wenn man gerade sehr dringend Zustimmung braucht.
Es kann aber auch sein, dass jemand innerlich seinen Stuhl ein Stück zurückgeschoben hat. Weil das, was eben so selbstverständlich aussortiert wurde, mit dem eigenen Wirken zu tun hat. Mit Entscheidungen, schlaflosen Nächten, gelungenen Versuchen und all den Dingen, die man irgendwie hinbekommen hat, obwohl es damals auch schon nicht einfach war.
Und während die einen bereits über die nächsten Schritte sprechen, sitzen die anderen noch bei diesem Gefühl und mit diesem Gefühl und wissen nicht so richtig wohin damit…
Was bleibt? Etwas bleibt.
Natürlich muss deshalb nicht jeder Aktenschrank bleiben. Und ein umständlicher Prozess wird durch sein vierzigjähriges Jubiläum auch nicht besser. Aber bevor wir ihn verabschieden, könnten wir uns dafür interessieren, wofür er einmal gut war.
Vielleicht hat er Fehler verhindert, für die es damals keine technische Lösung gab. Vielleicht steckt in den handschriftlichen Ergänzungen einer Mitarbeiterin genau das Wissen, das in der neuen Software noch fehlt. Vielleicht war die heutige Umständlichkeit einmal eine ziemlich raffinierte Antwort auf eine schwierige Frage.
Das macht sie nicht automatisch zukunftsfähig. No! Nur, es verändert vielleicht unseren Blick.
Wir sehen plötzlich eine Leistung, die vorher nur ein Ärgernis war. Wir verstehen etwas von den Bedingungen, unter denen dieses Unternehmen gewachsen ist. Und können genauer entscheiden, was wir tatsächlich brauchen und was gehen darf.
Alles hat seine Zeit.
Ich finde diesen Moment interessant. Wenn aus einem schnellen Urteil Aufmerksamkeit wird. Wenn jemand noch einmal nachfragt und das Gegenüber merkt: Ach. Das interessiert Sie wirklich?
Dann kommt oft viel mehr zum Vorschein als die Erklärung eines Ablaufs. Da wird eine Eigenart greifbar. Ein bestimmter Umgang mit Verantwortung, eine besondere Sorgfalt, vielleicht auch ein Humor, der diesen Betrieb durch anstrengende Zeiten getragen hat.
Wer das übersieht, kann sehr gründlich aufräumen und hinterher feststellen, dass ausgerechnet das Wertvolle mit verschwunden ist.
Blöd gelaufen. Sah im Projektplan irgendwie einfacher aus.
In Familienunternehmen sitzt diese Geschichte gleich mit am Tisch.
Man kennt sich schließlich in und auswendig. Manchmal so gut, dass man gar nicht mehr richtig hinsieht. Die sind halt so. Ich bin halt so. Das war halt so.
Da übernimmt eine Tochter Verantwortung, führt längst Gespräche mit Banken, entscheidet über Investitionen und trägt das Unternehmen durch schwierige Monate. Und dann betritt der Vater den Raum, beantwortet die an sie gerichtete Frage und nennt sie mit liebevollem Stolz „unsere Juniorchefin“.
Sie lächelt. Was soll sie jetzt auch machen.
Vielleicht war es herzlich gemeint. Trotzdem kann man sich vorstellen, wie sich dieser Moment anfühlt: Mit 48 Jahren eben noch verantwortlich, plötzlich wieder ein bisschen Kind. Man möchte nicht undankbar wirken und auch keinen Familienkonflikt vor der Belegschaft eröffnen. Also schluckt man den Satz herunter. Schon wieder.
Umgekehrt kann ein beiläufiges „Das machen wir heute alles anders“ beim Vater an einer Stelle ankommen, die mit der besprochenen Sache nur am Rande zu tun hat. Er hört möglicherweise: Deine Erfahrung brauchen wir nicht mehr. Und beginnt, sich an Entscheidungen festzuhalten, die er eigentlich längst abgeben wollte.
So sitzen dann zwei Menschen voreinander, die beide etwas schützen möchten und sich gegenseitig immer weniger Raum lassen.
Die Tochter darf es anders machen. Auch deutlich anders. Sie muss dafür nicht erst beweisen, dass der Vater keine Ahnung hatte. Und er darf darauf vertrauen, dass etwas von seiner Arbeit weiterlebt, auch wenn es künftig anders aussieht.
Dafür müssen beide einander neu wahrnehmen lernen. Die Tochter als eigenständige Unternehmerin. Den Vater als jemanden, dessen Bedeutung über seine bisherige Funktion hinausgeht. Verbunden durch das Unternehmen. Es kann auch manchmal hilfreich sein. Ach was, es ist in dem Moment ein hervorragende Gastgeber.
Und das Unternehmen selbst?
Wenn ich auf ein Unternehmen schaue, interessiert mich, was es im Innersten zusammenhält. Was sich durch verschiedene Zeiten und Menschen hindurch zeigt. Welche Qualität so selbstverständlich gelebt wird, dass im Betrieb kaum noch jemand etwas Besonderes darin erkennt.
Das kann eine ungewöhnliche Verbindlichkeit sein. Eine Freude am genauen Arbeiten. Eine Art, Probleme zu lösen, bei der alle anderen längst aufgegeben hätten.
Solche Eigenarten lassen sich in Zahlen nur teilweise erfassen. Man erlebt sie. Ich spüre sie. Bei einer Führung durch die Produktion, in einem Gespräch, beim Betrachten eines Produkts. Manchmal auch daran, dass jemand etwas noch einmal in die Hand nimmt, weil es eben doch noch nicht ganz stimmt. Und manchmal ist es sogar ein Witz, der sich erzählt wird.
Wenn ich von der Würde eines Unternehmens spreche, meine ich die Achtung vor diesem gewachsenen Zusammenhang und vor den Menschen, die ihn geschaffen haben und weitertragen.
Diese Achtung hat Folgen für seine Gestaltung. Wir können genauer fragen, welche Sprache ihm entspricht, welche Materialien seine Qualität vermitteln und welche Form seine Entwicklung braucht. Ein neuer Auftritt soll schließlich etwas von diesem Unternehmen zeigen. Sonst haben wir hinterher eine sehr zeitgemäße Website und müssen aber mühsam erklären, was daran jetzt eigentlich typisch für uns ist.
Da würde ich lieber vorher hinsehen.
Vielleicht geht es also um mehr, als etwas zu bewahren
Bis hierhin könnte man meinen, Würde beschäftige sich vor allem mit dem, was schon da ist. Mit Geschichte, Lebensleistung und einem behutsamen Umgang mit dem Gewachsenen.
Doch nehmen wir die Nachfolgerin noch einmal ernst. Wirklich ernst. Also wirklich wirklich ernst. Dann müssen wir auch das achten, was durch sie erst entstehen kann. Ihre eigene Vorstellung, ihre noch ungeübte Form von Führung, ihre Möglichkeiten. Ihre abgedrehte Vision.
Und wenn wir das Unternehmen ernst nehmen, können wir ihm nicht aus lauter Verbundenheit jede Entwicklung verwehren. Eine vertraute Form kann irgendwann zu eng werden. Auch das will bemerkt werden.
Hier braucht Würde etwas, das man bei diesem großen, gesetzten Wort vielleicht nicht sofort vermutet:
Intuition und Zuversicht.
Intuition hilft, wahrzunehmen, wo etwas stimmig ist, wo es sich reibt und wo sich eine Möglichkeit andeutet, die noch keinen fertigen Satz hat. Dieses feine „Moment mal“ verdient Aufmerksamkeit. Es ist kein unfehlbares Urteil. Aber ein guter Grund, genauer hinzusehen, statt die Empfindung schnell wegzuargumentieren. Und unser Bauchgefühl hat sowieso schon etwas entschieden.
Zuversicht brauchen wir, um das Erkannte weiterdenken zu können. Um einer anderen Person ihre eigene Form zuzutrauen. Um eine vertraute Lösung loszulassen, bevor die nächste bis ins letzte Detail abgesichert ist. Um daran zu glauben, dass Entwicklung aus der eigenen Identität heraus wertvoll ist. Sonst halten wir am Ende ausgerechnet das fest, was wir eigentlich würdigen wollten.
Und dieser Blick reicht weiter als bis zum Werkstor. Das Material, das wir verwenden, kommt aus einer Welt mit eigenen Zusammenhängen. Was wir entscheiden, beansprucht die Zeit und Kraft anderer Menschen. Was wir produzieren, bleibt irgendwo, lange nachdem es unsere Umsatzstatistik verlassen hat. Ist das nicht unfassbar schön?
Dann stellt sich nämlich wieder die Frage, ob wir genau hinsehen oder nur die eigene Verwendung betrachten. Also das, was uns gerade hilft uns gut zu fühlen….
Vielleicht ist Würde deshalb diese umfassende Achtung: vor der eigenen Identität, vor der Identität des Unternehmens, vor dem Gegenüber und vor der Welt, in der all das überhaupt möglich ist und vor dem, was sich erst entfalten wird.
Wer so schaut, kann Eigenart anerkennen und ihr Entwicklung zutrauen.
