Stolz. Wenn etwas gelingt.
Es gibt Begriffe, die man im unternehmerischen Kontext meidet, weil sie etwas berühren, das schwer kontrollierbar ist. Stolz ist so ein Begriff. Er steht quer zu vielen Tugenden: Bescheidenheit, Leistungsorientierung, Sachlichkeit, Disziplin. Und doch ist er ständig anwesend, gerade dort, wo Verantwortung getragen wird. Ich begegne ihm meistens nicht in Aussagen, sondern in Zwischentönen, in Mimiken, in der Art, wie jemand sich setzt oder stehen bleibt, während er spricht. Manchmal sehe ich Unternehmer und auch Unternehmerinnen, die mit voller Kraft protzen und sich größer geben, als sie eigentlich sind. Aber manchmal begegne ich auch Unternehmern, die viel geschaffen haben, die Entscheidungen getroffen haben, die andere entlastet oder geschützt haben, und gleichzeitig wirkt ihr Körper, als müsse er sich kleiner machen. Der Rücken ist gebeugt, fast wie ein Schutzpanzer, der Atem bleibt flach, die Stimme verliert an Volumen, obwohl der Inhalt Substanz hat. Dann entsteht eine eigentümliche Diskrepanz zwischen dem, was da ist, und dem, was sich zeigen sollte.
Stolz als Form von Verlässlichkeit
Stolz hat in diesen Momenten nichts mit Selbstzufriedenheit zu tun und auch nichts mit demonstrativer Stärke. Er ist vielmehr eine Form von Beziehung zum eigenen Tun. Die Frage ist nicht, ob etwas erfolgreich war, sondern ob man sich erlaubt, dieses Gelingen innerlich anzuerkennen, ohne es sofort zu erklären, zu relativieren oder weiterzuschieben. Viele Unternehmerinnen und Unternehmer sind geübt darin, den Blick sofort nach vorn zu richten. Das Nächste, das Noch-nicht-Gelöste. Diese Beweglichkeit ist notwendig, sie hält Systeme am Laufen.
Ich beobachte immer wieder, dass sich in dem Moment, in dem jemand innehält und für sich nicht sofort weitergeht, etwas verändert. Der Körper richtet sich ein wenig, als würde er prüfen, ob er Raum einnehmen darf. Der Atem wird tiefer. Und mit dieser Veränderung verschiebt sich auch die Sprache. Argumente werden knapper, weniger absichernd. Sie wirken nicht aggressiv, sondern tragfähig. Angstgesteuerte Argumentation hat etwas Kreisendes, Surrendes. Sie erklärt sich ständig selbst, sie will vorwegnehmen, was eventuell an Widerstand kommen könnte. Überzeugungen hingegen stehen anders im Raum. Sie sind nicht unfehlbar, sondern präsent. Diese Präsenz ist kein mentales Konstrukt, vielmehr entsteht es aus einer körperlichen Übereinstimmung. Nichts anderes ist ästhetische Wirkung.
Genau hier wird Stolz so richtig interessant. Quasi als Zustand, der sich zeigt, wenn innere Zustimmung vorhanden ist. Gesunder Stolz ordnet. Ungesunder Stolz hingegen ist laut, braucht Abgrenzung, Vergleich, Bestätigung. Er ist ganz leicht zu erkennen, weil er so eklige Spannung erzeugt, die jeder spüren kann, aber keiner was sagt. Wie ein Essen, das nicht so recht schmecken will. Gesunder Stolz dagegen wirkt fast unspektakulär. Er reduziert Rechtfertigung, er bringt Ruhe in Entscheidungen.
Warum Führung Präsenz schuldet
In meiner Arbeit im Executive Mentoring sehe ich ganz oft, wie stark diese innere Ordnung nach außen wirkt – als ästhetisches Phänomen. Ästhetik wird oft als Dekoration oder als etwas Hinzugefügtes missverstanden. Tatsächlich beginnt sie viel viel früher. Sie entsteht dort, wo etwas stimmig ist. Wo Körperhaltung, Ton, Argumentation und Werte nicht gegeneinander arbeiten. Ein Mensch, der aufrecht sitzt, ohne sich aufzublasen, der spricht anders. Nicht besser, nicht lauter, aber klarer. Und das wird wahrgenommen, selbst dann, wenn man widerspricht.
Vielleicht, nein, ganz bestimmt, ist gesunder Stolz genau deshalb ein Aspekt von Ästhetik. Nicht weil er so schön wäre, sondern weil er stimmig ist. Wenn er sich zeigt, dann nicht als Nettigkeit, sondern als Wahrnehmung.
Natürlich, am Ende geht es nicht in erster Linie darum, Stolz zu entwickeln oder bewusst herzustellen. Vielleicht geht es lediglich darum, ihn nicht reflexhaft zu vermeiden. Ihn nicht sofort zu neutralisieren, wenn er auftaucht. Einen Moment länger stehen zu bleiben, wenn etwas gelungen ist. Den Körper nicht sofort wieder einzuziehen. Die Argumente nicht vorsorglich abzuschwächen. Denn das, was sich dann zeigt, ist kein Ego und keine Inszenierung. Es ist Präsenz. Und Präsenz braucht es.
Gesunder Stolz ist nicht verhandelbar
Was würden Sie sagen, wenn ich behaupte, dass Stolz nicht nur eine Möglichkeit ist, sondern eine Verpflichtung. Nicht im moralischen Sinne – natürlich nicht – sondern im professionellen?! Jawohl! Gesunder Stolz ist kein persönlicher Luxus. Er erzeugt Stabilität und Vertrauen und ist damit ein elementarer Gegenpol zu all den Marktschreiern, Gassenhauern und aktionistischen Sales-Fuzzis. Denn ohne Stolz wird das Potential, was Inhaber und Inhaberinnen, Unternehmernsgeister und Menschen mit Führungskraft nicht ausreichend ausgeschöpft und das wäre ressourcenverschwendend.
Vielleicht richtet sich dieser Gedanke an jene, die sich bis hierhin wiedererkannt haben und dennoch zögern. An jene, die spüren, dass sie sich oft kleiner machen, als sie es müssten. Dann darf es ganz einfach werden. Rücken gerade. Brust raus. Nicht als Geste, sondern als Erinnerung. Dieses gute, ruhige Gefühl im Bauch ernst nehmen, das sich einstellt, wenn etwas den eigenen Werten entspricht. Dem vertrauen, was über Jahre getragen hat: dem eigenen Maß, dem Prinzip des ehrbaren Kaufmanns, der Verlässlichkeit höher stellt als den schnellen Effekt. Langfristigkeit nicht erklären müssen. Nachhaltigkeit nicht verteidigen müssen. Sondern sie vertreten. So, wie man steht. So, wie man spricht. So, wie man entscheidet.
Für all jene, die still Verantwortung tragen, Entscheidungen treffen, ohne Applaus zu erwarten, und Unternehmen über Jahre zusammenhalten: Trauen Sie sich. Zeigen Sie, was da ist. Wenn Sie es nicht tun, bestimmen andere den Ton – die Lauten, die Getriebenen, die, denen es mehr um Sensation als um Substanz geht. Gesunder Stolz ist kein Auftritt, sondern ein Gegenwicht. Er macht Identität sichtbar und gibt dem Eigentlichen eine ästhetische Präsenz, die Orientierung schafft.
