Licht. Wie Wahrnehmung unternehmerische Entscheidungen lenkt.

Diese knallharten Schatten an der Bürowand.

Dieses warme Licht gegen 17 Uhr im Herbst.

Dieses leuchtende Blau der Visitenkarte in der Mittagssonne.

Diese Entscheidungen, die mit frühlingshafter Euphorie getroffen werden.

Diese Konsequenzen, die sich bei winterlicher Dunkelheit zeigen.

Diese Produkte, die für die Weihnachtszeit sind.

Diese Investition, die in der Mitte des Jahres entschieden wird.

Diese Zweifel im November.

Dieser Mut im Mai.

Was wir sehen, entsteht nie allein aus dem Objekt. Es entsteht aus Licht und aus der Art, wie dieses Licht in unserem Körper verarbeitet wird. Wahrnehmung ist kein Zustand. Sie ist ein Vorgang, der sich verschiebt, während wir glauben, wir hätten alles im Griff und unser Verstand regle das schon.

Licht. Elementar, banal einfach, hochkomplex. Es ist die Bedingung für Leben und gleichzeitig für uns selbstverständlich genug, um uns mit Lampen, Spots und Vitamin-D-Tabletten unabhängig zu machen. Und dass es etwas mit Unternehmensführung zu tun haben soll, ist sowieso totaler Unfug.

Weit gefehlt.

Das Licht des Jahres arbeitet unermüdlich. Im Herbst senkt es sich. Es wird weicher, dichter, beinahe körperlich warm. Es bleibt länger auf den Dingen liegen, nimmt ihnen Schärfe und rückt Farben und Räume viel näher an uns heran. Selbst Entscheidungen fühlen sich in diesem Licht anders an. Sie versprechen Nähe. Sie geben ein Gefühl von Sicherheit und Wohlwollen, von warmer Zuversicht.

Ein Geschäftsführungsteam entscheidet im Oktober über neue Farben für den Markenauftritt, weil sich alles plötzlich ruhig und wertig anfühlt. Im Frühjahr wirkt dieselbe Auswahl schwer, obwohl sich am Unternehmen nichts fundamental verändert hat.

Wenn sich das Jahr weiterbewegt, verändert sich dieses Empfinden. Das Licht wird kalt und gleißend. Es wird kürzer und direkter. Schatten treten kantig hervor. Die Januarsonne ist eine andere als die Oktobersonne. Sie ist eiskalt und trotzdem voller Neugier. Der Blick wird wacher, manchmal auch unruhiger, ein bisschen sehnsuchtsvoll. Was eben noch als wohltuend empfunden wurde, kann plötzlich aktivierend sein. Die Wahrnehmung hat sich verändert.

Ein Rebranding wird an einem hellen Märzmorgen verabschiedet, getragen von dem Wunsch nach Frische und Bewegung. Einige Monate später verliert der Auftritt in gedämpften Innenräumen seine Selbstverständlichkeit.

Diese Verschiebungen bleiben selten auf der Ebene des Gefühls. Sie greifen in Entscheidungen ein. Auch dort, wo wir alle immer vollkommen überzeugt sind, sehr nüchtern und sehr vernünftig zu wählen.

Doch Gestaltung entsteht immer in einem Moment. Unter bestimmten Licht- und Lebensbedingungen. In einem bestimmten körperlichen Zustand. Farben überzeugen, weil sie genau in diesem Augenblick reagieren. Materialien gefallen, weil sie genau jetzt eine Resonanz auslösen. Das fühlt sich stimmig an. Was für eine natürliche Verführung, oder?

Studio Ansicht Claudia Schuberth

Während eines Workshops im Winter greifen alle unbewusst zu matten Materialien, die Licht schlucken und Nähe erzeugen. Im Sommer irritiert genau diese Materialität, weil sie dem Raum Energie entzieht.

Doch bei all der Faszination und Zustimmung: Es passt so überhaupt nicht in unsere zivilisierte Wirtschaftswelt. Unternehmen existieren nicht im Augenblick. Sie existieren über Zeit und Jahr hinweg. Sie bewegen sich durch wechselnde Räume, geführt von wechselnden Persönlichkeiten und durch Licht, das sich stetig verändert oder künstlich hergestellt werden kann. Eine visuelle Erscheinung, die stark aus einem momentanen Empfinden heraus entwickelt wurde, beginnt zu irritieren, sobald sich Konstellationen verändern.

Eine Gründerin spürt beim Entscheiden ein starkes Ja, ohne zu merken, dass das klare Licht des Frühjahrs ihren Blick schärft und beschleunigt. Erst später wird sichtbar, dass diese Entscheidung mehr dem Moment als dem Wesen ihres Unternehmens folgte.

Ich habe erlebt, wie Entscheidungen aus ehrlicher Begeisterung heraus getroffen wurden. Eine Farbe entfaltet im Studio eine besondere Präsenz. Ein Material wirkt im Winter einladend. Ein Auftritt erscheint im Frühlingslicht fast euphorisch. Und ich habe erlebt, wie genau diese Entscheidungen später Fragen aufwerfen. Trends haben die gleiche Mechanik – sie sind abhängig von der Zeit und immer nur von kurzer Dauer. Unterhaltsam, verführerisch. Nachhaltig über Jahre hinweg? Nope.

Unternehmensidentität

Deshalb beginne ich meine Arbeit an einer anderen Stelle. Mich interessiert das innere Wesen eines Unternehmens. Seine Beschaffenheit und Konsistenz. Die Art, wie es auf Veränderung reagiert. Dieser Kern ist nicht saisonal oder etwas für den Frühling. Er verändert sich nicht mit dem Sonnenstand. Aus ihm heraus entwickeln sich Farbe und Materialität auf eine Weise, die sich dem Licht stellt, ohne sich von ihm lenken zu lassen.

Solche Entscheidungen wirken natürlich im Herbst anders als im Frühjahr. Morgens anders als abends. Und sie bleiben erkennbar, weil sie nicht aus einem kurzfristigen Begehren heraus entstanden sind. Sie antworten auf wechselnde Bedingungen, ohne sich in ihnen zu verlieren.

Warum schreibe ich das jetzt? Nun, der Februar markiert für mich einen außergewöhnlich sensiblen Übergang. Das Licht ist bereits in Frühlingsvorfreude, aber es ist noch zaghaft kalt. Viele Entscheidungen werden unter Voraussetzungen getroffen, die sich auflösen werden. Ganz bestimmt. Weil sie nicht ganzjährig gedacht werden. Wahrnehmung ist in dieser Zeit besonders fein eingestellt. Der Wunsch, etwas festzulegen, wird stärker – vor uns liegt ja noch das ganze Jahr. Aber wie blicken wir darauf, wenn es Herbst wird? Wenn wir müde werden? Wenn der Druck des Jahresendes kommt?

Unternehmensstrategie, die aus der Essenz entwickelt wird, entzieht sich genau diesem Momentdruck. Sie orientiert sich nicht an saisonaler Verführung, sondern an innerer Konsistenz. Sie hat sogar organisch Bestand und zeigt sich angepasst je nachdem wie sich das Licht verlässlich wieder verändert. Das ist zirkuläres Fühlen. Und ganzheitliches Wahrnehmen.

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Stolz. Wenn etwas gelingt.