Kultur. Wenn Jogginghose und To-Go-Becher etwas zu sagen haben.

Mittlerweile ist es salonfähig geworden, in Jogginghosen das Haus zu verlassen und damit nicht nur schnell zum Bäcker zu hüpfen, sondern auch ins Restaurant oder ins Büro… ins Office. Das Gegenteil des Korsetts. Menschen in Führungspositionen tragen natürlich Sneaker, wir sitzen in Jeans cool in der Oper. Wir essen mit den Händen – schnell und als 1-Gang-Spar-Menü.
Was früher als bewusster Stilbruch galt, ist heute Normalität geworden. Das ist Kultur.

Man könnte diese Entwicklung empörend als Verfall von Formen lesen. Nur – So einfach ist es nicht.
Kultur ist ja nicht Etikette und schön und stilvoll. Nein. Kultur ist unser Spiegel. Sie verändert sich selten abrupt oder willkürlich. Sie ist vielmehr Ausdruck tieferliegender Veränderungen – in unserem Alltag, in unseren Arbeitsweisen und in unserem Verständnis von Miteinander, Nähe und Distanz. In diesem Sinne lässt sich die zunehmende Informalität vielleicht als Reaktion auf eine umfassende Reduktion verstehen, die in allen Bereichen unseres Lebens stattgefunden hat. Plastikmöbel aus einem Guss, Selbstbedienung, Mikrowelle, Imbiss (sagt man noch Imbiss?), PDFs, Banking-App, …

Aus schweren Polstermöbeln wurden funktionale Stühle, aus aufwendigen umständlichen Prozessen wurden intuitive Anwendungen, aus persönlichen Gesprächen standardisierte Abläufe an Automaten. Diese Entwicklung ist nicht zufällig. Sie ist auch nicht bloß eine Frage von Geschmack oder Generation. Über Jahre hinweg haben wir begonnen, Dinge zu vereinfachen. Und wir dachten “Oh, es funktioniert auch so. Das ist ja hervorragend – wieder Kosten und Aufwand gespart!” Es wurde also vieles schneller, günstiger und reibungsloser. Diese Erfahrung hat sich eingeprägt und wurde zunehmend kultiviert.

Damit einher kam die Selbstverständlichkeit im Umgang mit Systemen und Prozessen. Wir lieben es Dinge eigenständig zu regeln: Am Counter, über Interfaces oder digitale Plattformen tippen, wischen und klicken wir, um zum gewünschten Ziel zu kommen. Klappt das nicht, beschimpfen wir die Maschine. Das hat zweifellos Vorteile. Sie zuckt nicht. Man kann das eigene Tempo bestimmen, ist nicht auf das Gegenüber angewiesen, vermeidet unangenehme Situationen und bewegt sich in klar strukturierten Abläufen. Herrlich! Diese Form der Interaktion ist effizient und entlastend zugleich.

Doch Kultur ist “leider” nie eindimensional. Was wir an einer Stelle gewinnen, verändert an anderer Stelle die Qualität unseres Miteinanders. Wenn Prozesse dominieren, verschiebt sich auch unsere Erwartungshaltung gegenüber Menschen. Wir gewöhnen uns an Buttons mit maximal zwei Auswahlmöglichkeiten, an eine bestimmte Geschwindigkeit und wir beginnen, genau das auch im zwischenmenschlichen Kontakt vorauszusetzen. Läuft ja so gut. Nuancen, Zwischentöne und das Aushalten von Unschärfe gehen schrittweise verloren. Umfangsformen werden knapper, rauer, oft auch ungeduldiger.
Wenn Strukturen weniger Widerstand bieten, verlieren wir nach und nach die Übung im Umgang mit dem, was nicht sofort eindeutig ist.

Und plötzlich bekommt die scheinbare Formlosigkeit eine andere Bedeutung. Sie ist nicht einfach nur Bequemlichkeit. Sie ist Ausdruck einer Entwicklung, in der Unterschiede zurückgenommen wurden, weil sie nicht mehr zwingend notwendig erschienen. Der sichtbare Rahmen wird unwichtiger, das Besondere wird leiser, das Auffällige verschwindet zugunsten dessen, was überall funktioniert.

Das Ergebnis ist eine zunehmende Gleichförmigkeit. Schöner mittelmäßiger Brei. Dinge beginnen, sich anzugleichen. Persönlichkeiten, Auftritte, Erlebnisse, Ergebnisse verlieren an Eigenart. Es entsteht etwas, das schwer zu greifen ist, weil es keine klaren Konturen mehr hat. Ein Zustand, der weder stört noch herausfordert, aber auch wenig Orientierung bietet. Richtig schön bequem.

Verführerisch, oder?

Aufwendig, oder?

Es gibt das nur so ein winzig kleines Problem. Der Mensch ist darauf angewiesen, Unterschiede wahrzunehmen. Er orientiert sich nicht nur über Inhalte, sondern über Formen. Über das, was sichtbar, spürbar und erlebbar ist. Nuancen helfen, Situationen einzuordnen. Brüche und Kanten machen deutlich, wann sich etwas verändert. Gesten, Material, Kleidung oder Farben tragen Informationen, die weit über das Gesagte hinausgehen.

Wenn diese Ausdrucksformen verschwinden, wird es schwieriger, Verhalten zu differenzieren. Es fehlt an Markierungen, an Abstufungen, an Dialogen, an deutlichen Hinweisen darauf, wie etwas gemeint ist oder in welchem Rahmen es sich bewegt.

Kultur zeigt sich genau in diesen Unterschieden. Sie entsteht dort, wo etwas eine Form bekommt, die mehr ist als bloße Funktion. Wo Eigensinn und Identität sichtbar wird, ohne erklärt werden zu müssen. Wo sich ein Gegenüber orientieren kann, weil etwas ganz gezielt kultiviert ist.

In diesem Sinne ist die Jogginghose nicht das Problem. Sie ist ein schönes, sichtbares Zeichen. Ein Hinweis darauf, dass etwas anderes in den Vordergrund rückt: die Frage, wie wir wieder Unterschiede herstellen, ohne in alte Muster zurückzufallen.

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